Das Kind ist hochbegabt. Hurra! Ach nee doch nicht!

 

Wenn wir das Testergebnis erhalten und wissen, was mit unserem Kind los ist, stellt sich oft Erleichterung ein und gleichzeitig stehen wir vor einer großen Herausforderung. 

 

Denn hochbegabte Kinder sind meist nicht nur geistig, sondern auch körperlich sehr aktiv, fragen ihren Eltern gern Löcher in den Bauch, diskutieren bis zum Umfallen und schlafen viel zu wenig. Zusätzlich ist der Grat zwischen intellektueller Unterforderung und sozialer, emotionaler oder sensorischer Überforderung relativ schmal und somit immer ein Balanceakt.

 

Zusammen mit den Aufgaben in Beruf und Lebensalltag kann das bei uns Eltern recht schnell zu einer chronischem Überlastung führen, die sich in Erschöpfung, diffuser Unzufriedenheit und gesundheitlichen Problemen zeigt. In der eigenen Kraftlosigkeit den besonderen Bedürfnissen seines Kindes hilflos gegenüber zu stehen, hat sicher jede*r von uns schon einmal erlebt.

 

Somit stellt sich die Frage, wie wir unser Kind stärken und fördern und gleichzeitig gut für uns selber sorgen können.

 

Intelligenzforschende haben nachgewiesen, dass nicht nur verschiedene Umwelt- und Umfeldfaktoren die Intelligenzentwicklung positiv oder negativ beeinflussen, sondern auch, dass Hochbegabung vererbt wird.

 

Deshalb lautet die Antwort auf obige Frage: Mama und Papa, erforscht eure eigenen ungelebten Potenziale, vielleicht seid ihr selber auch hochbegabt. Dann werdet ihr verstehen, was euer Kind braucht und es ihm selber vorleben können. Macht euch als Familie gemeinsam auf den Weg.

 

Aber warum ist es für Eltern wichtig, sich der eigenen Hochbegabung bewusst zu werden?

 

Es gibt Menschen, die nie ein Problem mit einer unerkannten Hochbegabung hatten. 

Das sind entweder die Hochleistenden, deren besondere Fähigkeiten gelebt und gewürdigt werden und die daher ihren Platz in der Gesellschaft und ihrem Leben gefunden haben.

 

Oder sie erbringen keine Hochleistung, leben aber in verschiedenen Lebensbereichen ihre Begabungen aus und können ihre Persönlichkeit entfalten, weil sie durch Vorbilder, Mentor*innen und Familienmitglieder unterstützt und immer wieder ermutigt werden, an sich selbst zu glauben und sich auszuprobieren.

 

Für diese Menschen macht es keinen Sinn, sich als Hochbegabte zu erkennen. Sie sind zufrieden mit ihrem Leben und können ihre Lebens- und Kulturtechniken an ihre Kinder weitergeben.

 

Aber wenn bei deinem hochbegabten Kind ein IQ-Test durchgeführt wurde, um die Ursache für Verhaltensauffälligkeiten oder Lernstörungen herauszufinden und es in deiner Familiengeschichte Schulverweigernde, Außenseiter*innen, Minderleistende oder gar psychisch auffällige Menschen gibt oder gab, schau genau hin!

 

Denn jetzt musst du davon ausgehen, in einem Nest von unerkannten Hochbegabten zu sitzen, mit all ihren unguten Erfahrungen und Blockaden, von denen du selbst nicht lernen konntest. 

 

Dann zieht sich über Generationen hinweg eine Grunderfahrung wie ein roter Faden durch das Leben, nämlich nicht verstanden zu werden, die eigenen Bedürfnisse nicht mit anderen teilen zu können und somit sehr viel an Lebensfreude einzubüßen.

Die Erforschung so einer Familiengeschichte wird zeigen, dass deren Erziehungsstil sehr wahrscheinlich auf Anpassung an Umfeld und Gesellschaft ausgerichtet ist.

 

Das ist ein Grund, weshalb es dir schwer fällt, eigene Wege außerhalb der Norm zu gehen. 

 

Erst, wenn du wirklich verinnerlicht hast, warum du und deine Familie anders bist, verlierst du den Wunsch dich anzupassen und dich anderen Menschen gegenüber zu rechtfertigen. Dann wirst du schnell positive Erfahrungen mit deinen eigenen Fähigkeiten machen und ein kreatives und produktives Leben führen.

 

Immer mal wieder ertappe ich mich selbst dabei, wie ich mich von gängigen Konzepten aus Schule und System hinreißen lasse, meinem Kind zu erzählen, wie es funktionieren und Chancen nutzen soll. Bis mir wieder einfällt, dass unsere Gesellschaft von Normalbegabten für Normalbegabte gemacht ist.

 

Mit zwei Prozent der Gesamtbevölkerung gehören Hochbegabte lediglich zu einer gesellschaftlich kaum wahrgenommenen Randgruppe. Deshalb passen viele Angebote in Kindergarten und Schule nicht für unsere Kinder und sie langweilen sich mit teilweise katastrophalen Folgen.

Wir Eltern stehen darum in der Verantwortung für unsere Kinder ein geeignetes Lebensumfeld zu schaffen, in dem wir mit uns selbst und anderen in Balance leben und aus unserem Potenzial schöpfen können. 

 

Wenn wir unsere Kinder davor schützen wollen, die gleichen Erfahrungen wie wir selbst zu machen, ist es wichtig einen kritischen Blick auf die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft zu werfen. Denn Frauen tragen in unserem Kulturkreis nicht nur als Mütter innerhalb des Familiensystems den größten Anteil an der Versorgung und Erziehung von Kindern, sondern auch als Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen. 

 

Frauen bauen Zukunft, wenn sie Kinder lehren, wie selbstbestimmtes Handeln funktioniert, Selbstliebe und Selbstachtung. 

 

Aber oft sind sogar moderne und selbstbewusste Frauen noch die, die geübt sind im Kleinmachen (lassen) und im Rauf- und Runterspielen der Klaviatur erlernter Hilflosigkeit.

 

Denn erst seit knapp fünfzig Jahren haben die Mütter der jetzigen Elterngeneration durch die Errungenschaften der Frauenrechtsbewegung und insbesondere durch die Abschaffung der Hausfrauen-Ehe eine gesetzlich verankerte gesellschaftliche Chance in Deutschland erhalten, als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen zu werden.

 

Das ist der Grund weshalb wir Frauen seit vielen Generationen gewohnt sind, unser Sein als Mutter, Ehefrau oder Partnerin und die damit einhergehenden familiären und sozialen Aufgaben über alles andere zu stellen und daraus unseren Selbstwert abzuleiten. 

 

Selbstbestimmte schlaue Frauen passen (noch) nicht in das bekannte Weltbild. Frauen erleben ihr Anderssein immer noch als Gefahr, lebenswichtige Sicherheiten, Bindungen und Strukturen zu verlieren, wenn sie sich zu weit von der Norm entfernen. Deshalb reduzieren wir immer noch unser Selbstbild und unsere Lebenspläne auf zugewiesene und überalterte Rollenbilder sowie blockierende Glaubenssätzen und sind ungeübt, den eigenen Weg zu gehen und zu unserer Größe zu stehen. 

 

Auf diese Weise ist es nicht möglich, die eigene Hochbegabung zu erkennen und zu leben und es braucht besonders viel Ermutigung, die eigenen Bedürfnisse zu spüren und die Verantwortung für ein erfülltes Leben selbstwirksam zu übernehmen. 

 

Besonders für Erwachsene ist ein IQ-Test meist mit sehr viel Unbehagen und auch Angst verbunden. 

 

Wenn du dich dem jedoch stellst, wirst du nicht nur Klarheit für dich selbst, sondern für die gesamte Familiensituation erhalten.

Wenn dein IQ-Wert unter 130 liegt, bedeutet das nicht automatisch, dass keine Hochbegabung vorliegt. Das Ergebnis deines Tests hängt sehr stark davon ab, wie du der Testsituation gewachsen und in welcher mentalen und emotionalen Verfassung du an diesem Tag warst. Besonders wenn du in deiner eigenen Kindheit Lernblockaden, wie eine Lese-Rechtschreib- bzw. Rechenschwäche entwickelt hast oder eine überhöhte Leistungserwartung an dich selbst stellst, besteht die Möglichkeit, trotz Hochbegabung an bildungsabhängigen Tests oder Testabschnitten zu scheitern. Auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie Angst und Anstrengungsvermeidung oder auch das Vorliegen von Hochsensibilität, können dich regelmäßig an Grenzen stoßen lassen, die weit unter deinem Potenzial liegen.

 

Wird jedoch durch einen bildungsunabhängigen Test dein intellektuelles Potenzial sichtbar, korrigiert das dein Selbstbild wesentlich.

 

Mit der offiziellen Bestätigung deiner Hochbegabung, erhält du nicht nur eine heilende Lernerfahrung, sondern gibst dir selbst die Erlaubnis, anders denken, handeln und leben zu dürfen als alle anderen.

 

Je offensiver das Thema Hochbegabung in dein Bewusstsein rückt, umso mehr wird klar, dass die Ursachen vermeintlichen Scheiterns und die Erklärung eigener Probleme oft nicht bei dir selbst liegen, sondern in der fehlenden Passung zum Umfeld. 

 

Dann wird die Energie frei, die du bisher vergeblich verwendet hast, um dich zu ändern und anzupassen.

 

Du wirst erleben, wie sich daraus völlig neue Perspektiven für eine stärkende und förderliche Lebensgestaltung für dich und deine Familie ergeben. Sich individuell mit den Wünschen und Bedürfnissen jedes einzelnen Familienmitgliedes auseinander zu setzen und die Verbindung zwischen euch durch die Pflege eurer Gemeinsamkeiten aktiv zu stärken, aber auch den Unterschieden Raum zu geben, lässt jeden einzelnen spüren, dass es okay ist, zu sein, wie man ist. 

 

Mit Eltern, die ihre spät erkannten Hochbegabung bewußt und mutig in ihr Leben integrieren und so zu einer hohen Selbstsicherheit gelangen, kann dein Kind von dir als Vorbild lernen, besondere Eigenschaften als Resource bei sich zu entdecken und auszuleben. Für Hochbegabte ist das ein wesentlicher Baustein für ein glückliches Leben.

 

(veröffentlicht in Labyrinth 143, der Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V., im September 2020)